Bericht zur 9. Mission, Teil 2: Lwiw


Und die häufigst gestellte Frage: „War es nicht gefährlich…?“

Die Antwort auf diese und sicher noch weitere Fragen beantworte ich dir heute im nächsten Bericht. Und natürlich gibt es auch die Vorschau auf Teil 3.

Lange Staus an der Grenze, eine ukrainische Handynummer, viele Kontrollen und Raketeneinschläge 30 Meter neben unserem Team. Die kurze Zusammenfassung unseres ersten Tages in der Ukraine, den Christian Wirth und ich zusammen mit der Ukrainerin Nastiia erleben durften.

Bereits um 6 Uhr waren wir in unserem einfachen Hotel im polnischen Przemysl aufgestanden und machten uns auf den Weg zum dortigen Bahnhof. Dort sind Geldwechselstuben, hier wollten wir ein paar Euro in ukrainische Hrywnja umtauschen. Aber es war Sonntag und alle Wechselstuben leider geschlossen. Nach einem kurzen Frühstück ging es dann in Richtung Grenzübergang Medyka. Hier waren wir schon öfters, allerdings immer am Grenzübergang für Fußgänger. Diesmal fuhren wir an der Abzweigung in Richtung Medyka weiter und an der kilometerlangen Blechlawine vorbei zur Ausreise aus Polen. Wir reihten uns versehentlich in der Spur für Busse ein, was sich später als Glücksfall herausstellen sollte.

Beim Warten erinnerte ich mich daran, dass es an der Fußgängergrenze einen kleinen Supermarkt mit Wechselstube davor gibt. Ich stieg also aus und lief über die zweispurige Straße, die von der Ukraine in Richtung Polen führte, zur Wechselstube. Und tatsächlich, sie hatte geöffnet. Schnell ein paar Euro gewechselt und zurück zum Bus. Unsere Mitfahrerin Nastiia sprach zwischenzeitlich mit Landsleuten, die neben uns in der richtigen Reihe zur Ausreise anstanden. Dank ihrer freundlichen Art durften wir uns in dieser Spur einreihen und sparten uns somit eine wirklich lange Wartezeit bei der Zollabfertigung.


Nach einer knappen Stunde war es dann soweit. Wir befuhren tatsächlich das Kriegsgebiet. Das, wovon wir zu Beginn des Krieges dachten, dass direkt hinter der Grenze bereits die Kugeln und Raketen fliegen. Glücklicherweise war es zunächst ruhig und wir fuhren über idyllische Straßen, vorbei an unendlichen Sonnenblumenfeldern, in Richtung Lwiw. Auf dem Weg hielten wir kurz an einer Tankstelle, und Nastiia kaufte für uns eine ukrainische Handykarte, denn mit unseren deutschen Telefonen wären wir dort arm geworden. Auch hier war wieder diese Dankbarkeit zu spüren,  denn Nastiia hat uns die Prepaid-Karte einfach geschenkt als Dankeschön, dass wir sie mitnehmen zum Bahnhof in Lwiw. Dass ihre Begleitung für uns viel wertvoller war, brauche ich an dieser Stelle nicht zu erwähnen. Es war unglaublich wichtig, sie dabei zu haben.

Auf der Fahrt nach Lwiw war der Krieg allgegenwärtig. Vor jeder noch so kleinen Ortschaft wurden Barrikaden errichtet, die im Falle eines Falles den Verteidigern Schutz bieten sollen. Je größer die Städte wurden, desto größer die Barrikaden, teilweise wurde hier der Verkehr auch komplett angehalten vor der Einfahrt in die Städte und die Fahrzeuge kontrolliert. Es ist schon ein mulmiges Gefühl zu wissen, dass es für die Soldaten und Polizisten dort keine Übung ist und sie jederzeit auf das Schlimmste vorbereitet sein müssen.


In Lwiw angekommen suchten wir zuerst den Bahnhof, von dem aus unsere liebe Begleiterin später die Weiterreise nach Riwne antreten sollte. Vor dem dortigen Bahnhof sind — wie an der polnischen Grenze — Stände verschiedener internationaler Hilfsorganisationen aufgebaut, die dort ankommende Menschen mit Essen und Getränken versorgen und sich um die überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen kümmern. Bei einem kleinen Rundgang durch Lwiw kauften wir ein paar Blümchen für Christina und Olesya, die wir später trafen. Christina ist seit vielen Wochen meine feste Ansprechpartnerin in Lwiw, sie gehört ebenfalls einem Team von Freiwilligen an, die ihre Landsleute unterstützen.


Nachdem wir Nastiia zum Bahnhof gebracht und verabschiedet hatten, waren Christian und ich nun auf uns alleine gestellt, in einem völlig fremden Land, in dem derzeit ein schlimmer Krieg tobt. Wir fuhren zu unserem Hotel, welches Christina für uns organisiert hat. Dort angekommen erfuhren wir, dass Christinas Chef bereits alles bezahlt hat, aus Dankbarkeit für unsere Hilfe für die ukrainischen Landsleute. Beim Einchecken wurden wir direkt mit dem Krieg konfrontiert, denn wir bekamen nicht nur die Karten für das Zimmer, sondern auch die Einweisung, wie wir uns im Falle eines Fliegeralarms zu verhalten haben. Denn der könne jede Minute losgehen.


Wir machten uns etwas frisch und verarbeiteten die ersten Eindrücke, dann holte uns Christina ab, sie wollte uns Lwiw zeigen und uns zum Essen begleiten. Es war eine sehr herzliche Begrüßung, ich kannte sie bisher nur per WhatsApp und Telefon. Noch nicht mal ein Foto hatte ich gesehen. Christina hatte ihre kleine Tochter dabei, denn keiner konnte auf die Fünfjährige aufpassen, der Papa verteidigt sein Land an der Front. Auf dem Weg Richtung Innenstadt nahmen wir noch Olesya mit, eine Kollegin von Christina. Und dann durften wir Lwiw kennenlernen, das vor allem für seinen Kaffee und das Kaffeemuseum berühmt ist.

Denkt man sich die vielen Berge an Sandsäcken vor sämtlichen Gebäuden und Denkmälern weg, könnte man fast in Urlaubsstimmung verfallen. Die Millionenstadt ist belebt, die Straßen voller Menschen. Restaurants, Cafés und Geschäfte gut besucht. Natürlich stellte ich Christina die Frage, ob aktuell tatsächlich Touristen in der Stadt wären, denn so fühlte es sich an. Sie lächelte nur freundlich und meinte „just ukranian tourists“ (nur ukrainische Touristen) … und erklärte uns, dass derzeit vor allem in Lwiw unwahrscheinlich viele Menschen aus den Kampfgebieten leben, denn dort ist es meist ruhig.


Olesya und Christina führten uns in ein mittelalterliches Lokal in einem urigen Kellergewölbe im dritten Untergeschoss eines sehr alten Hauses. Die meisten Häuser in Lwiw sind schon immer 3 Stockwerke über die Erde gebaut und 3 Stockwerke unter die Erde. Natürlich fühlten wir alle uns hier auch etwas sicherer als auf der Straße.


Wir erfuhren einiges, was uns teilweise wirklich schockierte. Unter anderem, dass nur 30 Meter neben dem Gebäude, in dem Olesya, Christina und ihre Kollegen sitzen und auch unsere Hilfsgüter für den Weitertransport gelagert und vorbereitet werden, russische Raketen in einem Treibtofflager eingeschlagen sind. Wir durften uns davon selbst überzeugen, und ich habe ein paar Fotos von dem Treibtofflager und dem Gebäude gegenüber gemacht. Die mit Blech verkleidete Fassade war völlig verbogen, die Gläser durch die Explosion zerstört.


Auf die Frage, ob sie nicht eine riesen Angst bekamen, meinte Christina nur, dass sie gesehen haben, dass niemand verletzt war, die Feuerwehr konnte den Brand schnell löschen, also haben sie mit ihrer Arbeit weiter gemacht. Es ist schon ein Wahnsinn, wie die Menschen in der Ukraine mit dem Krieg umgehen. Er ist präsent, aber er beeinflusst nicht ihr Leben. Respekt.

Nach unserem Abendessen, welches natürlich Christian und ich für die 2 großen und die kleine Dame zahlten, fuhr uns Christina zurück in unser Hotel. Auf dem Weg dorthin erzählte sie uns von der landesweiten Ausgangssperre. Von 23 bis 5 Uhr darf sich niemand ohne Berechtigung auf der Straße aufhalten. Es drohen im westlichen Teil des Landes hohe Strafen und Gefängnis. Im Osten des Landes ist es noch viel viel schlimmer. Hier haben die Polizei und das Militär sogar Schießbefehl, wenn sich jemand nicht an die Ausgangssperre hält. Wie weit diese Regeln gehen, erfuhren wir einen Tag später. Dazu mehr im nächsten Bericht.

Es war ein ereignisreicher Tag. Eigentlich nur ein paar Stunden, die Christian und mir vorkamen wie eine halbe Ewigkeit. So wahnsinnig viele Eindrücke, die es zu verarbeiten galt, unglaublich nette und offene Menschen, die wir wieder kennenlernen durften und das ständige Gefühl, in einem Kriegsgebiet unterwegs zu sein. Mit diesen Erlebnissen gingen wir beide ins Bett, mit der Gewissheit, dass wir jederzeit vom Fliegeralarm geweckt werden können, und dann die Nacht mit vielen anderen Menschen in einem Luftschutzbunker verbringen würden.

Glücklicherweise gab es in dieser Nacht keinen Luftalarn, wir konnten ein paar Stunden schlafen und machten uns am nächsten Tag auf den Weg in Richtung Kamjanez-Podilskyj, ca. 400 Kilometer südöstlich von Lwiw. Dort waren wir mit Oleg, dem Chefarzt der dortigen Unfallklinik und seiner Frau Olga Brunko verabredet. Dass wir auf dem Weg dorthin und dort dann die heftigen Seiten des Krieges live miterleben mussten, konnte und wollte sich von uns niemand vorstellen. Doch alle Details zu unserem zweiten Tag in der Ukraine erfährst du in meinem dritten Teil der Mission 9. Und hier beantworte ich auch gerne die Frage, wie es aktuell aussieht und weitergeht.

Danke für dein Interesse und deine Unterstützung. Wir dürfen immer wieder in persönlichen Gesprächen, Kommentaren und auch durch Nachrichten erfahren, wie viele Menschen uns von zuhause aus begleiten und durch ihre Wertschätzung unserer Arbeit gegenüber ein wertvoller Impuls für unsere Motivation sind. Ohne euren Rückhalt wäre alles deutlich anstrengender.

Danke, danke, danke!

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